Heu ad libitum: Segen oder Fluch für unsere Pferde?
- 3. März
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Aktualisiert: 5. März
In der modernen Pferdehaltung hat sich ein Trend fest etabliert: Heu ad libitum. Die Angst vor Magengeschüren sitzt tief, und die Faustregel, dass Futterpausen niemals länger als vier Stunden dauern sollten, ist mittlerweile Standardwissen. Doch ist der "All-you-can-eat"-Rundballen wirklich für jedes Pferd die richtige Lösung?

Das Dilemma: Natur vs. Realität
Unsere Pferde sind von Natur aus Dauerfresser. Ihr Verdauungstrakt ist darauf ausgelegt, fast den ganzen Tag kleine Mengen rohfaserreicher, aber energiearmer Gräser aufzunehmen. In der freien Wildbahn wandern sie dabei kilometerweit im langsamen Schritt.
Hier liegt das Problem unserer heutigen Fütterung:
Nährstoffdichte: Unser heutiges Heu stammt oft von gedüngten Kulturwiesen. Es ist deutlich gehaltvoller als die kargen Steppengräser der Wildpferde.
Bewegungsmangel: Während das Wildpferd für jeden Halm wandern muss, steht unser Hauspferd oft vor einem prall gefüllten Netz oder einer Raufe.
Wann ist "Heu ad libitum" für Pferde sinnvoll?
Für schwerfuttrige Pferde, Senioren oder Pferde in hoher sportlicher Belastung kann die freie Verfügung über Heu genau richtig sein, um den Energiebedarf zu decken und Stress zu minimieren.
Die Schattenseite für leichtfuttrige Typen
Bei leichtfuttrigen Rassen oder Pferden mit wenig Bewegung führt die ständige Verfügbarkeit oft zur massiven Überversorgung. Das Ergebnis:
Übergewicht: Das zusätzliche Fettgewebe ist nicht nur ein optisches Problem, sondern produziert entzündungsfördernde Botenstoffe.
Folgeerkrankungen: Die Gefahr für EMS (Equines Metabolisches Syndrom), Hufrehe und Gelenkprobleme steigt drastisch.
Wichtig zu wissen: Das Sättigungsgefühl beim Pferd entsteht nicht durch einen vollen Magen, sondern primär durch die Anzahl der Kauschläge. Ein Pferd, das sein Heu in Rekordzeit inhaliert, ist im Kopf noch lange nicht "satt".

Strategien für eine pferdegerechte Fütterung
Wenn "Heu ad libitum" für dein Pferd nicht infrage kommt, ist ein kluges Management entscheidend:
Qualität vor Quantität: Das Heu sollte spät geerntet (nach der Blüte) und hygienisch einwandfrei sein, um genug Struktur bei moderatem Zuckergehalt zu bieten.
Die Nacht überbrücken: Achtet besonders bei rationierter Fütterung darauf, dass die Abendportion groß genug ist, damit die Futterpause bis zum Morgen nicht zu lang wird.
Slow-Feeding: Engmaschige Heunetze oder Heuraufen mit Gittern verlängern die Fresszeit und fördern die Kautätigkeit.
Stroh als Helfer – aber mit Bedacht! Eine Einstreu aus gutem Futterstroh oder das Mischen von Stroh unter das Heu kann wunderbar dabei helfen, Futterpausen zu überbrücken, ohne das Energiekonto zu sprengen. Doch Vorsicht: Stroh ist kein 1:1-Ersatz für Heu!
Die Gefahr: Zu viel Stroh bei zu wenig Wasseraufnahme oder schlechter Kautätigkeit kann zu schweren Verstopfungskoliken führen. (Bei Stroheinstreu oder auch untermischen in zu großen Mengen.)
Die Faustregel: Man sagt grob, dass die Strohmenge 1/3 der gesamten Raufutterration nicht überschreiten sollte (ca. 0,5 kg bis max. 1 kg Stroh pro 100 kg Körpergewicht, weniger ist mehr). Langsam steigern und Verträglichkeit durch Kotbeschaffenheit prüfen.
Individuelle Beobachtung: Jedes Pferd reagiert anders. Manche "Staubsauger" stürzen sich so auf das Stroh, dass man die Menge strikt begrenzen muss, während andere es nur als feine Knabberei zwischendurch nutzen.

Fazit der Expertin
Es gibt kein "Richtig oder Falsch" für alle. Die Entscheidung zwischen ad libitum und rationierter Fütterung muss immer individuell nach Pferdetyp, Stoffwechselzustand und Arbeitsleistung getroffen werden.
„Heu ad libitum“ ist meist unbedenklich, wenn:
[ ] Dein Pferd ein schwerfuttriger Typ ist (z. B. Vollblüter, schmale Warmblüter).
[ ] Es sich um einen Senior handelt, der Probleme hat, sein Gewicht zu halten.
[ ] Dein Pferd täglich intensiv arbeitet (Sportpferd).
[ ] Dein Pferd ein sehr entspanntes Fressverhalten zeigt (pausiert von selbst).
[ ] Das angebotene Heu sehr spät geerntet wurde (holziger, energiearm).
Vorsicht bei Rationierung ist geboten, wenn:
[ ] Dein Pferd leichtfuttrig ist (z. B. Haflinger, Isländer, Tinker, Shettys).
[ ] Bereits Stoffwechselerkrankungen vorliegen (EMS, Cushing, Rehe-Reue).
[ ] Dein Pferd ein „Staubsauger-Gen“ hat und ohne Pause frisst, bis alles weg ist.
[ ] Das Heu sehr fein, grün und energiereich ist (1. Schnitt, früher Schnitt).
[ ] Dein Pferd sich im Stall kaum bewegt.



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